Dieses Haus ist besetzt …

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Das Haus in der Haynstraße/Ecke Hegestraße steht unter Denkmalschutz (Bilder: L. Fröhling)

Das Haus in der Haynstraße/Ecke Hegestraße steht unter Denkmalschutz (Bilder: L. Fröhling)

Seit 2009 steht das Etagenhaus in der Haynstraße/Ecke Hegestraße unter Denkmalschutz – und das, nachdem ihm rund vier Jahrzehnte früher, im Jahr 1970, noch der Abriss bevorstand. Wie kam es zu dem Wandel?

Das kann wohl kaum jemand so gut erklären wie Reinhard Barth. Seit über 40 Jahren wohnt er nun schon in dem Mietshaus. Wenn sich jemand mit dem Haus und seiner Geschichte auskennt, dann er. Und am Tag des offenen Denkmals (11. September) wird Barth sein Wissen bei Führungen (jeweils um 12, 14 und 16 Uhr) mit interessierten Besuchern teilen.

Barth gehört selbst zu der Gruppe damaliger Studenten, die 1970 in das Haus einzogen. Damals gehörte das Haus einer Hamburger Baufirma, die auf dem Grundstück lieber gewinnbringende Neubauten errichten wollte, erzählt er. Das Haus sollte abgerissen werden – die Studenten aber hätten sich geweigert, die Wohnungen zu räumen, und somit den Abriss verhindert.


Reinhard Barth wohnt seit über 40 Jahren hier

Reinhard Barth wohnt seit über 40 Jahren hier

1975 hätten sich die Studenten dann zu einer Mietergruppe zusammengeschlossen und einen Mietvertrag mit dem damaligen Eigentümer, der Dorussa AG, ausgehandelt. Und zwar einen Mietvertrag über das gesamte Haus, das sie in der Folgezeit quasi als Groß-Wohngemeinschaft bewohnt hätten.

Einige Jahre später sei das Haus dann aber in Eigentumswohnungen umgewandelt und verkauft worden. Käufer hätten sich schnell gefunden, erzählt Barth. „Aber den meisten wurde schnell klar, dass sie da kein gutes Geschäft gemacht hatten.“ Denn: Die neuen Wohnungsbesitzer konnten weder selbst einziehen, noch brachten ihnen die Mieten großen Gewinn ein. Die Mietergemeinschaft wohnte ja laut Vertrag rechtmäßig in dem Haus und konnte nicht einfach hinausgeworfen werden, und größere Mieterhöhungen seien vertraglich ausgeschlossen worden.

Da sie mit ihren Wohnungen also praktisch nichts anfangen konnten, hätten einige Eigentümer ihre Immobilien schließlich an einzelne Hausbewohner verkauft. Heute sind 14 der insgesamt 24 Wohnungen im Besitz von Mitgliedern der Mietergemeinschaft. Auch Barth ist mittlerweile Wohnungsbesitzer. Mehrere Räumungsklagen hätten die Bewohner nun schon erfolgreich überstanden. Acht der derzeitigen Bewohner wohnten nun schon seit rund 40 Jahren, also „von Anfang an“ hier, berichtet Barth.

Noch immer stehe der Gemeinschaftsgedanke im Zentrum. „Einmal im Monat treffen wir uns zur Hausversammlung und entscheiden gemeinsam über das, was so ansteht. Zum Beispiel über die Aufnahme neuer Mitglieder in die Mietergemeinschaft, wenn einmal jemand auszieht.“
Und auch sonst stünden immer mal gemeinsame Aktionen, wie Filmabende, Grillen im Garten oder Keller-Großputz an. „Ab und zu organisieren wir hier auch Haus- und Straßenfeste“, erzählt Reinhard Barth, der lange als Mitarbeiter in einem Redaktionsbüro tätig war und mittlerweile als selbstständiger Sachbuchautor arbeitet.

Zeitweise tun die Hausbewohner auch mit Transparenten an der Fassade ihre Meinung zu politischen und tagesaktuellen Themen kund. So zum Beispiel mit einem großen Anti-Atomkraft-Plakat, das bis vor kurzem an der Hausfront prangte. „Das mussten wir aber abnehmen, als hier neulich Tatort-Dreharbeiten waren“, erzählt Barth.

In jedem Fall bot das Haus mit seinem Protestbanner einen ungewöhnlichen Anblick in der Eppendorfer Nachbarschaft. Den Wandel des Quartiers, das vor 40 Jahren noch ein bisschen mehr den Charakter eines bodenständigen Arbeiterviertels gehabt habe, sieht Reinhard Barth aber mit Gelassenheit. „Klar hat das Viertel sich geändert, und man sieht nirgends mehr rostige Autos am Straßenrand stehen wie damals. Aber wir haben ja auch irgendwo eine bürgerliche Entwicklung durchgemacht, wir leben auch nicht mehr in Wohngemeinschaften.“

Über all die Jahre hätten die Bewohner eine besondere Beziehung zu ihrem Zuhause aufgebaut. „Das Haus liegt uns allen sehr am Herzen“, so Barth. Da freute es die Bewohner natürlich, dass der Bau 2006 in die Liste der erkannten Hamburger Denkmäler eingetragen wurde und die dringend notwendige Fassadensanierung erfolgte.

Hintergründe und Einzelheiten hierzu wird Reinhard Barth interessierten Besuchern sicher am Tag des offenen Denkmals erklären. Am 11. September führt er um 12.00 Uhr, 14.00 Uhr und 16.00 Uhr durch das Haus.


Lisa Fröhling


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