Führung in Hamburg durch die Euro-Krise

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Ein Hamburger Bezugspunkt zur Bundesregierung: Manuel Sarrazin (3. v. l.) mit Teilnehmern des Rundgangs vor der CDU-Landeszentrale am Leinpfad (Bild: R. Magunia)

Ein Hamburger Bezugspunkt zur Bundesregierung: Manuel Sarrazin (3. v. l.) mit Teilnehmern des Rundgangs vor der CDU-Landeszentrale am Leinpfad (Bild: R. Magunia)

Unter der U-Bahn-Brücke an der Kellinghusenstraße macht Sarrazin Station. Der Politiker hat eingeladen an die Stätten der Euro-Krise in Hamburg. Er will das „abstrakte“ Thema herunterbrechen auf die Stadt. „Damit die Menschen verstehen, worum es in der ganzen Geschichte geht“, sagt er.


Manuel Sarrazin ist europapolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Wie ein Jongleur wirbelt er Begriffe wie EZB, Euro-Bonds, IWF durch die Luft. Er hat zum Stadtrundgang durch Eppendorf und Winterhude geladen. Neun Interessenten sind gekommen, darunter ein Maschinenbauingenieur, eine Psychologin, drei Parteifreunde und Baby Mai, drei Monate alt. Sarrazin kommt zu spät und mit dem Taxi. Die S-Bahn fährt nicht. Er hat blaue Adidas-Turnschuhe an und eine St.-Pauli-Schirmmütze auf, unterm Arm einen roten Ordner mit Notizen. „Ich will vor Ort zeigen, was die Euro-Krise mit euch persönlich zu tun hat“, sagt er. Martin Macker, Schlapphut, Vollbart und nach eigenen Angaben der „GAL-Orden im Norden“ fragt: „Ist der Euro eine Währung auf Bewährung?“


Dann geht es los. Station 1 liegt am Leinpfad 74 bei der CDU-Landeszentrale. Sie sei unmittelbarer Bezugspunkt zur Regierung, sagt Sarrazin, „zu Frau Merkel und ihrer neuen Methode in der Europapolitik“. „Die Unionsmethode“, nennt der GALier das und meint damit das Gegenteil der „Gemeinschaftsmethode“. Es laufe nämlich so, dass sich die Regierungschefs zusammensetzen und allein entscheiden, anstatt die europäischen Institutionen mit ins Boot zu nehmen. „Frau Merkel hat das EU-Parlament und die EU-Kommission aus dem Spiel genommen. Aber mit Geheimtreffen kommen wir hier nicht weiter.“ Nicken bei den Parteifreunden, Ratlosigkeit beim Rest. Dann geht es weiter zur U-Bahn-Station Kellinghusenstraße. Was die Bahn mit der Krise zu tun habe? Martin Macker, GAL-Basis, Gründungsmitglied: „Sie ist überirdisch, nicht unterirdisch.“ Die Bahn rauscht vorbei, und Sarrazin legt los. Die Eisenbahn sei im 19. Jahrhundert Ausdruck einer Kommunikationsrevolution gewesen, sie habe die Märkte verbunden und so erst die Industrialisierung möglich gemacht. „Wir erleben mit der Euro-Krise eine gewaltige Umwälzung, die mit der Industriellen Revolution gleichzusetzen ist“, sagt Sarrazin. Die technische Situation an den Finanzmärkten habe dafür gesorgt, dass der Markt aus dem Ruder gelaufen sei. „Mehr als das 70-Fache der realen Wirtschaftsleistung wird an den Finanzmärkten umgelegt“, sagt der Politiker. Da sei die Blase immer größer geworden. „Was wir brauchen, ist mehr Finanzmarktregulierung.“ Kopfnicken bei den Zuhörern. Baby Mai ist eingenickt. Auch dank „Lolaloo“, der akkubetriebenen Einschlafhilfe, die mit Klettbändern am Kinderwagen befestigt ist und eine Menge Rüttelei erzeugt.


Vor Bezirksamt und Jobcenter wird der Arbeitsmarkt zum Thema. „Durch Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit entstehen höhere Kosten für den Staat, er muss mehr Schulden aufnehmen“, sagt Sarrazin. Dieses Problem habe auch Griechenland. Und dann gebe es noch das Chaos in der Verwaltung. „Es fehlen die Verwaltungskapazitäten in Griechenland. Das lässt sich nicht innerhalb von zwei Jahren aufbauen.“


Aber das hätte man doch wissen können, bevor man den Rettungsschirm beschlossen hat, wirft ein Teilnehmer ein. Man hätte ahnen können, dass das Geld zur Rettung nicht reichen werde. „Natürlich war das eine Annahme, die nicht realistisch war“, antwortet Sarrazin. „Aber Politik kann auch mal irren.“ Also geht es weiter auf den Bauspielplatz im Eppendorfer Park, Station 4. Sarrazin spannt den Bogen: „Europa ist eine Baustelle. Das, was passiert, ist nicht die Lösung, aber wir müssen so handeln.“ Das sei ein Prozess, an dem mehr mitwirken müssten als nur die Regierungsvertreter. „Wir brauchen mehr Kompetenz für die EU-Kommission, Europa muss in nationalstaatliche Handlungen eingreifen dürfen. Und: Europa wird gezwungen sein, zu zwingen!“ Man solle einen europäischen Konvent einberufen. Der habe Dynamik wie ein Bauspielplatz.


Am Eppendorfer Markt, zwischen Dönerbude und Haspa-Filiale, endet die Tour mit dem Anfang der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise auf dem europäischen Markt. „Wollt ihr Cash?“, fragt Martin Macker und reicht eine Tüte Cashewkerne in die Runde. Sarrazin kommt auf den Kern der Sache: „Was 2007/2008 auf den Finanzmärkten begann, führte zu realwirtschaftlichen Verwerfungen, das heißt immensen Wachstumseinbrüchen im Jahr 2009, und erfasste anschließend als Schulden- und Spekulationskrise die Euro-Zone“, sagt Sarrazin. „Die Bankenkrise hatte einen direkten Draht in die Staatshaushalte.“ Nach der scheinbar geglückten Stabilisierung von Banken und Unternehmen müssten nun ganze Staaten „gerettet“ werden. Manuel Sarrazin glaubt, dass die Rettung klappt. Nicht in den kommenden zwei Jahren, aber langfristig. Man müsse Geduld haben und den Leuten sagen, was passiert. „Es wird einen permanenten Rettungsschirm geben.“ Mit der Betonung auf „permanent“. Drei Stunden sind um. Baby Mai schläft.


Hanna Kastendieck

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