„Im Jahr 2030 fährt die Straßenbahn zum UKE“

{lang: 'de'}

Wolfgang Kopitzsch, der Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord, an seinem Lieblingsort: dem Park an der Meenkwiese in Eppendorf (Bild: Klaus Bodig)

Wolfgang Kopitzsch, der Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord, an seinem Lieblingsort: dem Park an der Meenkwiese in Eppendorf (Bild: Klaus Bodig)

Der Bezirk Nord im Jahr 2030. Was wird sich verändert haben? In der Abendblatt-Serie schreibt heute der sozialdemokratische Bezirksamtsleiter.


Wir können alle leider nicht in die Zukunft schauen, und deshalb sehen meine Visionen für das Jahr 2030 auch zwei Varianten vor. Ich hoffe natürlich, dass sich Bezirk und Stadt positiv entwickeln werden, und beginne deshalb einmal mit einem optimistischen Blick in die Zukunft. Klar, es sind Visionen, aber ich halte sie durchaus für realistisch und erreichbar.


Ich gehe einfach mal davon aus, dass wir alle – die Politiker und die Bürger – unsere „Hausaufgaben“ dieses Jahrzehnts (2011-2020) gemacht und dabei gemeinsam intensiv an den folgenden Problemfeldern und ihren Lösungen gearbeitet haben: Schuldenbremse 2020, Ausbau der städtischen Infrastruktur mit Gebäuden und Straßen sowie Investitionen in Pflege und Bildung mit genügend Kitas, Ganztagsschulen und lebenslangem Lernen. Das Ziel: „Kein Talent darf uns verloren gehen.“ Dafür brauchen wir die enge Verbindung von allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen, den Ausbau des Hochschulwesens und eine deutliche Erhöhung der Abiturientenzahlen und der Studierenden.


Hamburg, so meine Vision, ist im Jahr 2030 einer der führenden Hochschulstandorte Deutschlands, die Geisteswissenschaften wurden gestärkt und nicht weiter abgebaut.


Kinder, Jugend und Senioren stehen im besonderen Fokus politischen und gesellschaftlichen Handelns. Die „Entflechtung“ und „Vermeidung von Doppelarbeit“ sind konsequent umgesetzt worden, die bürgernah arbeitende Verwaltung und damit die Bezirke sind gestärkt worden. Hamburg steht im bundesweiten Vergleich nicht mehr im unteren Drittel der Besoldung im öffentlichen Dienst, sondern wieder im oberen Drittel.


Ganz wichtig: Im Wohnungsbau sind insbesondere im „bezahlbaren“ Bereich große Fortschritte erreicht worden. Das bedeutet, dass Mieten auch mit einem Einkommen finanziert werden können. Wohnungsbau in der City Nord hat zu einer neuen Qualität der „Bürostadt“ geführt.


Der Standort Hamburg ist in Bezug auf seine Arbeitsplätze und die Zuwanderung auf einem guten Wege, der Hafen ist weiter einer der führenden der Welt. Hamburg ist immer noch eine der „Boom-Regionen“ Europas.


In meiner Vision „2030“ fährt in Hamburgs Norden wieder eine Stadtbahn, denn nur so können wir mit unseren Verkehrssystemen den Anforderungen des größer werdenden Fahrgastaufkommens in einer wachsenden und umweltbewussten Metropole genügen. Und zwar in einer Zeit, in der das Öl weltweit längst nicht mehr in Hülle und Fülle aus dem Boden sprudeln wird. Ideal wäre eine Stadtbahnstrecke als Wiedereinrichtung der Streckenführung der alten Straßenbahnlinie 2 – vom ZOB über Hauptbahnhof, Rathaus, Dammtor, Universität, Eimsbüttel, Lokstedt, Stellingen, Niendorf und Schnelsen. Mit Abzweigen nach Lurup und Osdorf sowie zur Uniklinik Eppendorf. Außerdem sind dann Pläne für Verbindungen nach Hammerbrook, Rothenburgsort, Hamm, Barmbek und Steilshoop in Arbeit. Die U-Bahn-Linie (U 4) von der HafenCity nach Wilhelmsburg ist fertiggestellt.


Der Flughafen erreicht im Jahr 2030 mit rund 30 Millionen Fluggästen – trotz sinkender Flugbewegungen und Lärmbelastungen – einen neuen Höchststand. Kulturelle Einrichtungen, Sport- und Freizeitstätten entsprechen dem Bedarf. Ihre Pflege und ihr Erhalt werden als gesamtgesellschaftliche Aufgabe stärker wahrgenommen. Die öffentliche Ordnung (und Sauberkeit) ist ein wichtiger Standortfaktor geworden. Der Denkmalschutz hat eine große gesellschaftliche Bedeutung erlangt. Grünanlagen werden in einem besonderen Maße wertgeschätzt.


Der Ohlsdorfer Friedhof, größter Parkfriedhof der Welt, ist als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt. Hamburg-Nord als Standort der „Gesundheitswirtschaft“ hat weiter an Bedeutung gewonnen. Gesundheit wird wieder weniger als Markt begriffen, die Strukturen haben sich entsprechend verändert.


Was ich mir noch für meinen Bezirk 2030 erhoffe? Der Regelungsbedarf mit Gesetzen und Verordnungen hat an Quantität verloren, aber an Qualität gewonnen. Die Metropolregion Hamburg hat durch Abbau bürokratischer Hemmnisse und Strukturen erheblich an Bedeutung und Durchsetzungskraft gewonnen. Dezentrale Strukturen und Ansprechpartner „vor Ort“ in Verbindung mit moderner Technik haben die Bürgernähe der Verwaltung deutlich gestärkt.


Zu meiner positiven Vision des Bezirks Nord im Jahr 2030 gehören aber auch die sogenannten weichen Faktoren. Das soziale Miteinander wurde gestärkt, die Stadt und unser Bezirk werden als Lebensraum wahrgenommen und pfleglich behandelt. Das friedliche Miteinander auf vielen Ebenen zeichnet unsere weltoffene Stadt aus, das soziale Miteinander ist deutlich stärker geworden. Und ganz wichtig: Die Zeit einer sehr egoistischen Lebensweise neigt sich dem Ende und weicht langsam einem Verständnis des umfassenden gesellschaftlichen Miteinanders.


Ein „soziales Jahr“ ist über die Schulzeit – 13 Jahre bis zum Abitur – verteilt und integraler Bestandteil der allgemeinbildenden Schulen.


Gesellschaftliche Gruppen und Akteure, Vereine, Parteien, Verbände, Religionsgemeinschaften, Stiftungen widmen sich umfassend der sozialen Entwicklung in den Stadtteilen und Quartieren.


Fazit von Vision 1: Hamburg ist (noch) liebenswerter geworden, und wir leben (hoffentlich) seit 85 Jahren im Frieden. Und ich lebe auch noch …


Die negative Vision muss man aber auch im Auge haben: Der ausgeprägte Föderalismus in der Bundesrepublik hat sich mehr als Hemmschuh denn als Fortschrittsbeschleuniger erwiesen. Der Egoismus hat sich auf vielen Ebenen weiter durchgesetzt, der Staat kann nur noch die Grundsicherung garantieren. Nur noch rund 30 bis 35 Prozent der Einwohner in Hamburg sind erwerbstätig. Infrastruktur, Bildung und viele andere staatliche Aufgaben werden vernachlässigt.


Die „Immobilienblase“ ist auch in Deutschland längst geplatzt. Bezahlbarer Wohnraum für junge Menschen, Familien mit Kindern findet sich vorwiegend in städtischen Randlangen oder in Umlandgemeinden, „hochpreisiger“ Wohnungsbau ist vorhanden, steht aber zunehmend leer.


Ein Horrorszenario? Vielleicht, aber auch eines, das zeigt, warum es sich in den nächsten Jahren lohnt, sich für die Verwirklichung von Vision 1 ins Zeug zu legen.


Wolfgang Kopitzsch

{lang: 'de'}
Be Sociable, Share!
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.