Spurensuche: Ein vergessener Zufluchtsort mitten in Eppendorf

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Historiker Hakim Raffat kennt den Bunker und seine Geschichte (Bilder: S. Remesch)

Historiker Hakim Raffat kennt den Bunker und seine Geschichte (Bilder: S. Remesch)

Er riecht nicht muffig. Er ist kein feuchtes, dunkles Loch und auch die schwere Metalltür quietscht nicht. Dennoch fällt es sehr leicht, die Angst und Ungewissheit jener Menschen zu erahnen, die vor knapp 70 Jahren im Luftschutzbunker an der Tarpenbekerstraße Zuflucht vor Fliegerbomben suchten. Nacht für Nacht mussten Männer, Frauen und Kinder in dem Betonröhren ausharren, jedes Mal wenn die Sirenen aufheulten. Mehr als 50 Menschen saßen sich in jeder Röhre auf langen Sitzbänken gegenüber – bei Stromausfällen auch in völliger Dunkelheit.

Dabei hätte der Bunker einem direkten Treffer niemals standgehalten. Knapp 80 Zentimeter sind die Außenwände dick. „Als der Luftschutzraum im Mai 1940 geplant wurde, waren Bunker noch eine heikle Angelegenheit“, erzählt Hakim Raffat vom Stadtteilarchiv Eppendorf. „Einen Bunker zu bauen, wäre ja damit gleichgekommen, zuzugeben, dass das Reichsgebiet gefährdet ist.“ Zu dem Zeitpunkt ein undenkbares Zugeständnis.


Der Eingang zum Luftschutzraum verbirgt sich unter dieser Aluminiumplatte an der Tarpenbekstraße

Der Eingang zum Luftschutzraum verbirgt sich unter dieser Aluminiumplatte an der Tarpenbekstraße

Bunker mit experimentellem Charakter

„Womöglich hatte der Bunker auch einen experimentellen Charakter“, betont der Historiker Raffat. „Er ist einer der beiden ersten Röhrenbunker überhaupt in Hamburg.“ Erst wenige Wochen nachdem der Schutzraum am heutigen Ernst-Thälmann-Platz fertiggestellt war, folgte das Führer-Sofortprogramm. Auf Weisung Adolf Hitlers wurden 60 Städte angewiesen, Luftschutzorte zu bauen. Auch in Hamburg schießen die Bunker daraufhin wie Pilze aus dem Boden – 139 binnen weniger Monate.

71 Jahre sind inzwischen vergangen und die haben Spuren hinterlassen. Insbesondere an der schweren Stahltür am Eingang und an jener zum Notausgang hat der Zahn der Zeit genagt. Nachdem die Röhren wohl jahrzehntelang unter Wasser standen, ist der untere Teil der Türen komplett durchgerostet. „Wir bewahren die Spuren der Zeit, so wie sie sind“, unterstreicht Hakim Raffat. „Der geschichtliche Vorgang, zudem auch der Zerfall des Materials gehört, steht für uns im Vordergrund“.


In jeder Röhre saßen sich knapp 50 Menschen auf Holzbänken gegenüber - oft stundenlang und in völliger Dunkelheit

In jeder Röhre saßen sich knapp 50 Menschen auf Holzbänken gegenüber - oft stundenlang und in völliger Dunkelheit

Vom Plünnhöker zur Jazz-Combo

Weniger Spuren hat die erste zivile Nutzung nach dem Krieg hinterlassen. Anfang der 50er Jahre und bis etwa 1956 richtete ein „Plünnhöker“, ein Altwarenhändler, sein Geschäft im Bunker ein. Den Eingangsbereich nutzte er als Verkaufsraum, in den Röhren lagerte er die Ware.

Bunt wurde der Bunker dann im Jahr 1960: Junge Menschen mieteten den Bau, schmückten ihn mit bunten Glitzertapeten und stellten Stühle, Tische und eine Bartheke auf. So schufen sie sich einen privaten Jazzkeller. Nach knapp zwei Jahren bereiteten die Behörden dem Spaß jedoch ein jähes Ende. Der Bunker musste für den Katastrophenfall nutzbar gemacht werden. „Wiederverwendung für Zivilschutzzwecke“ heißt das in Amtsdeutsch.


Vor allem an den Stahltüren hat der Zahn der Zeit genagt

Vor allem an den Stahltüren hat der Zahn der Zeit genagt

Von der wilden Zeit im Keller zeugen aber auch heute noch bunte Farbklekse an Wänden und auch von der glitzernden blauen Tapete sind auch nach 50 Jahren noch Reste zu sehen. Auf Schwarzweißbildern aus der Vor-Beatles-Zeit zeigt Historiker Hakim Raffat gut gelaunte Pilzköpfe mit Banjo, Trommel und Saxofon.

30 Jahre Leerstand

Mehr als 30 Jahre lang geriet der Bunker in Vergessenheit. Nur einmal kam er wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit: 1978 meldete die DKP Interesse an den Röhren an. Sie wollte eine Gedenkstätte für die KPD-Opfer des Nationalsozialismus einrichten. Die Pläne versandeten jedoch in heftigen politischen Debatten im Bezirk.


Blaue Farbklekse erinnern an die bunten Jahre im Jazzkeller um 1960

Blaue Farbklekse erinnern an die bunten Jahre im Jazzkeller um 1960

1995 wurde der Luftschutzbunker zur Kunststätte. Wasser, das sich über Jahre auf dem Grund gesammelt hatte, wurde abgepumpt, Risse repariert und die Stromzufuhr erneuert. Unter dem Titel „Subbühne“ machten Theatermacher Michael Batz und Konzeptkünstler Gerd Stange, den Bunker zum 50. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum „begehbaren Mahnmal“ in Gedenken an den Dichter Wolfgang Borchert.

Im Mai 1995 wurden täglich Lesungen organisiert. Zudem installierten die Künstler eine „rhythmische babylonische Wasserskulptur“ als „aktives Erinnerungs-, Belebungs- und Bewässerungskunstwerk“. Auch danach sollte der Bunker als „Mahnmal für den Gebrauch“ genutzt werden. Doch nach 1995 geriet der geschichtsträchtige Bau erneut aus dem Blickfeld.

Gedenkstätte zum Gedankenaustausch

Das Eppendorfer Stadtteilarchiv übernimmt schließlich die Trägerschaft, organisiert regelmäßig Begehungen und unterhält den Bunker als „Gedenkstätte zum Gedankenaustausch“, wie Hakim Raffat betont. Kurzum, man sorgt dafür, dass das, was unter der schweren Aluminiumplatte an der Tarpenbekstraße 68 verborgen ist, nicht in Vergessenheit gerät.


Mit einer Handkurbel wurde im Krieg Frischluft in den Keller gepumpt. Diese Kurbel betreibt allerdings die "rhythmische babylonische Wasserskulptur" aus dem Jahr 1995

Mit einer Handkurbel wurde im Krieg Frischluft in den Keller gepumpt. Diese Kurbel betreibt allerdings die "rhythmische babylonische Wasserskulptur" aus dem Jahr 1995

Der Verein setzt dabei nicht auf Weltkriegs-Accessoires oder aufwändige Dekoration, wie es bei vielen anderen Bunkeranlagen der Fall ist. „Besucher sollen sich selber im Kopf ein Bild machen, von dem, was hier geschehen ist“, unterstreicht Raffat. Die Spuren der Zeit, sowohl aus den 40ern, wie auch aus den 60ern oder den 90ern sollen die Fantasie anregen. „Durch Frage und Antwort tasten wir uns dann immer näher an die Realität heran.“

Steve Remesch


Info: Stadtteilarchiv Eppendorf, Julius-Reincke-Stieg 13a, 20251 Hamburg, Tel: 040-480 47 87, E-Mail: Stadtteilarchiv.Eppendorf@web.de




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