Unfallfahrer von Eppendorf drohen bis zu fünf Jahre Haft

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Die Unfallkreuzung in Eppendorf gestern Nachmittag: Der Fahrer, der hier vier Menschen in den Tod riss, wurde jetzt angeklagt. Wann der Prozess beginnt, ist noch unklar (Bild: B. Fabricius)

Die Unfallkreuzung in Eppendorf gestern Nachmittag: Der Fahrer, der hier vier Menschen in den Tod riss, wurde jetzt angeklagt. Wann der Prozess beginnt, ist noch unklar (Bild: B. Fabricius)

Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat Anklage gegen Alexander S. erhoben, der als Todesfahrer von Eppendorf bekannt geworden ist. Dem 39-Jährigen wird fahrlässige Tötung in vier Fällen, fahrlässige Körperverletzung in drei Fällen und vorsätzliche Straßenverkehrsgefährdung vorgeworfen. „Wegen der besonderen Bedeutung des Falls hat die Staatsanwaltschaft Anklage vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Hamburg erhoben“, sagt Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. Im Fall einer Verurteilung drohen Alexander S. bis zu fünf Jahre Haft.

Mehr als acht Monate ist es her, dass einer der schwersten Unfälle, die es in Hamburg je gegeben hat, vier Menschen aus dem Leben riss. In der Mitteilung der Staatsanwaltschaft wird der Unfall erstmals minutiös geschildert. Der Bericht liest sich wie Schreckensszenario. Laut Staatsanwaltschaft war der damals 38-Jährige am 12. März dieses Jahres gegen 16.45 Uhr mit seinem Fiat Punto auf der Eppendorfer Landstraße in Richtung Eppendorfer Baum unterwegs – in Kenntnis einer bereits seit mehreren Jahren vorhandenen Epilepsieerkrankung. Unmittelbar vor der Kreuzung soll er einen akuten Krampfanfall erlitten und deshalb die Kontrolle über sein Auto verloren haben, heißt es in dem Bericht.

Die Tragödie, die ab diesem Moment seinen Lauf nahm, dauerte nur wenige Sekunden. Alexander S. geriet mit seinem Fiat auf die Gegenfahrbahn, raste mit einer Geschwindigkeit von mindestens 100 Kilometern pro Stunde bei Rotlicht auf die Kreuzung, an der sich an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag Dutzende Menschen aufhielten. Zuerst kollidierte Alexander S. mit dem VW Golf des Schauspielers Peter Striebeck und seiner Ehefrau Ulla. Der 38-jährige Unfallfahrer geriet anschließend mit seinem Auto ins Schleudern, überschlug sich, prallte gegen einen Fußgängerpoller und erfasste die auf dem Fußweg stehende Sibylle Mues, 60, und die Künstlerin Angela-Maria Kurrer, 65. Anschließend rammte das Auto von Alexander S. den Sozialwissenschaftler Günter Amendt, 71, sowie eine andere Passantin und begrub schließlich den Schauspieler Dietmar Mues, 65, unter sich. Das Ehepaar Mues und Günter Amendt starben noch am Unfallort. Angela-Maria Kurrer erlag wenig später im Universitätsklinikum Eppendorf ihren schweren Verletzungen. Peter und Ulla Striebeck – die wie eine weitere Verletzte inzwischen Strafantrag gestellt haben – sowie die Fußgängerin erlitten leichte Verletzungen. Es war ein Unfall, der Hamburg schockierte, Wut, Fassungslosigkeit und Trauer hervorrief.

Im Blut von Alexander S. wurden nach dem Unglück sowohl Spuren eines Medikaments gegen Epilepsie als auch der Cannabis-Wirkstoff THC gefunden. Doch die Kontrolle über seinen Fiat verlor der Beschuldigte offenbar nicht aufgrund seines Haschischkonsums, sondern wegen eines Krampfanfalls. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat sich Alexander S. – der in der Vergangenheit bereits drei Unfälle verursacht hatte – während der Ermittlungen über seinen Verteidiger dahingehend eingelassen, dass er trotz seiner Erkrankung rechtmäßig am Straßenverkehr habe teilnehmen dürfen. Die Gefahr eines Unfalls sei für ihn unvorhersehbar gewesen. Diese Bewertung teilt die Hamburger Staatsanwaltschaft nicht. Im Gegenteil. Oberstaatsanwalt Möllers: „Der Beschuldigte wusste um seine Krankheit und kannte aufgrund vorheriger Verkehrsunfälle das Risiko, das er mit dem Führen eines Kraftfahrzeugs einging.“ Die Anklage geht also davon aus, dass S. wegen seiner Epilepsie-Erkrankung nicht mehr in der Lage war, Auto zu fahren, ohne eine potenzielle Gefahr für andere Menschen zu sein. Und dass er mit einem erneuten Unfall aufgrund eines Anfalls hätte rechnen müssen. Deshalb wird dem 39-Jährigen neben fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung auch vorsätzliche Straßenverkehrsgefährdung vorgeworfen. Dass nun Anklage gegen Alexander S. erhoben wurde, ist für Wanja, Woody und Jona – die drei Söhne des getöteten Ehepaars Mues – eine gute Nachricht. „Ich bin froh, dass es dem Anwalt von Herrn S. nicht gelungen ist, mit seinen taktischen Manövern eine Anklageerhebung zu verhindern“, sagte Wanja Mues gestern dem Abendblatt. Vielleicht schaffe ein Prozess Klarheit, wie es passieren konnte, dass die Behörde Alexander S. nach dessen drittem Unfall den Führerschein wiedergegeben hatte.

Jenny Bauer, Franziska Coesfeld

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